pSZ vs. vSZ – Zwei Konzepte, ein Ziel: Stromflüsse im Mehrfamilienhaus richtig bilanzieren
Mit dem Ausbau von PV-Anlagen und intelligenten Messsystemen stellt sich im Mehrfamilienhaus eine zentrale Frage: Wie wird der Strom zwischen Gebäude und öffentlichem Netz bilanziert? Dafür haben sich zwei Konzepte etabliert: der physische Summenzähler (pSZ) und der virtuelle Summenzähler (vSZ). Beide verfolgen dasselbe Ziel – sie unterscheiden sich jedoch grundlegend in der technischen Umsetzung und Marktlogik.
Warum eine Summenbildung notwendig ist
Damit Strom aus einer PV-Anlage im Gebäude genutzt und korrekt abgerechnet werden kann, muss eindeutig festgestellt werden, wie viel Strom ins Gebäude fließt, wie viel ins Netz eingespeist wird und wie viel innerhalb des Gebäudes verbraucht wird. Diese Summenbildung kann entweder physisch gemessen oder virtuell berechnet werden.
Das Grundprinzip
Der physische Summenzähler (pSZ)
Beim pSZ-Konzept befindet sich am Netzanschlusspunkt des Gebäudes ein physischer Zweirichtungszähler. Dieser misst den Strombezug aus dem Netz sowie die Einspeisung ins Netz. Alle Stromflüsse werden also tatsächlich gemessen, nicht berechnet. Die Bilanzierung basiert direkt auf diesen Messwerten. Marktseitig existiert eine zentrale aktive Marktlokation (MaLo) gegenüber dem Netzbetreiber. Für dieses Konzept sind zusätzliche Hardwarekomponenten erforderlich, etwa ein separater Zählerplatz in einem Messwandlerschrank. Installationsaufwand und -kosten sind entsprechend höher.
Der virtuelle Summenzähler (vSZ)
Beim vSZ-Konzept gibt es keinen physischen Summenzähler am Netzanschlusspunkt. Stattdessen werden die Daten aller Einzelzähler – Wohnungen, Allgemeinstrom, PV-Erzeugung – digital zusammengeführt. Der „Summenzähler" entsteht rechnerisch: Ein Messdatenmanagement-System aggregiert die Einzelmesswerte der bestehenden MaLos zu einem virtuellen Bilanzwert. Physisch bleibt die Messstruktur dezentral, bilanziell wird sie digital zusammengeführt. Die Umsetzungsgeschwindigkeit kann je nach Netzgebiet stark variieren.
Technische und marktliche Unterschiede
Wirtschaftliche Einordnung
Die Messstellenbetriebsentgelte unterliegen in beiden Modellen den gesetzlichen Preisobergrenzen.
Die wesentlichen Kostenunterschiede liegen in der Investitionsstruktur. Der physische Messplatz für einen pSZ kann pro Netzanschluss 8.000 bis 10.000 Euro kosten – das entspricht erfahrungsgemäß rund 20 Prozent der Gesamtkosten eines Mieterstromprojekts. Beim vSZ entfällt diese Investition vollständig. Wer die längere Umsetzungsphase in Kauf nimmt, spart dafür die zusätzlichen Investitionskosten in Hardware und Installation vollständig ein – gerade bei größeren Portfolios kann das einen erheblichen CAPEX-Vorteil bedeuten.
Auf der Betriebskostenseite gilt es jedoch zu beachten: Da die virtuelle Summenbildung keine eigene Messstelle im Sinne des Messstellenbetriebsgesetzes darstellt, existiert hierfür keine gesetzliche Preisobergrenze. Die erforderliche Datenverarbeitung und Bilanzierung wird als separate Dienstleistung vergütet – ohne gesetzliche Preisobergrenze. Die laufenden Kosten hängen damit vom jeweiligen Dienstleister ab.
Der Unterschied liegt nicht im „Ob", sondern im „Wie": Das pSZ-Modell setzt auf physische Messstruktur mit regulatorisch gebundenen Kosten – das vSZ-Modell auf digitale Bilanzlogik mit geringeren Anfangsinvestitionen, aber weniger Kostentransparenz im Betrieb.
Strategische Einordnung für Bestandshalter
Beide Konzepte sind regulatorisch vorgesehen und technisch umsetzbar.
Die Entscheidung zwischen pSZ und vSZ ist daher weniger eine Frage der grundsätzlichen Zulässigkeit, sondern der Infrastrukturstrategie. Relevante Kriterien sind die vorhandene Gebäudestruktur – etwa ob ein zentraler Zählerplatz vorhanden oder nachrüstbar ist –, die Portfoliogröße, da ab einer gewissen Anzahl von Wohneinheiten die Skalenvorteile der digitalen Bilanzierung überwiegen, sowie das gewünschte Rollout-Tempo: Wer schnell umsetzen will, sollte prüfen, ob das jeweilige Netzgebiet den vSZ bereits als Standardoption unterstützt – andernfalls ist das pSZ-Modell der verlässlichere Weg.
Für einzelne Gebäude kann die Entscheidung anders ausfallen als für größere Portfolios.